Freitag, 02.01.2026 - Achim Plato, Portrait NE 1978
Das Portrait
Achim Plato
Zehn Jahre Künstlerischer Leiter der Freilichtspiele Schwäbisch Hall
Für Achim Plato liegt das Erlebnis Theater in der Kindheit begründet, und seine Fortsetzung dann im Beruf des alltäglichen Lebens. Genauer: in einem Erlebnis, das ein Keim für seine Theaterleidenschaft war.
Die Heimatstadt Dresden lag 1945 in Schutt und Asche. Das „Komödienhaus“ war nur dank der Errichtung von Bretterwänden bespielbar. Weihnachten stand vor der Tür. Man spielte ein Märchenstück „Blinke Bitzelchen“. Vermummt in dicke Schaals, Wollmützen und Mänteln saßen Kinder und Erwachsene im „Provisorium“.
„Aber als der Vorhang sich öffnete und ein hellerleuchteter Himmel sichtbar wurde, waren die trostlosen Trümmerhaufen bei mir vergessen. Nach diesem ersten unvergesslichen Theatererlebnis gingen meine Tante und ich eine halbe Stunde durch Trümmerfelder nach Hause. Die Stromsperre setzte ein, und trotzdem feierten wir Weihnachten. Aber sächsische. Und die war besonders schön.“
Achim Plato ist der Erstgeborene eines sächsischen Kaufmanns. Zur Welt kam er am 8. März 1936 in Riesa, einem Vorort von Dresden. Noch in wacher Erinnerung sind ihm die Ereignisse der grauenhaften Zerstörung der sächsischen Metropole.
„Den Nachmittagsangriff am 13. Februar 1945 erlebten meine Mutter, mein sechs Jahre jüngerer Bruder und ich bei einem Spaziergang. Wir konnten uns noch in einen Luftschutzbunker retten. Ein Onkel von mir holte uns zum Abend in sein Haus in Plauen, einem Vorort auf der Anhöhe von Dresden. Von dort aus sah ich den alliierte Nachtangriff, die völlige Zerstörung meiner Heimatstadt. Seitdem sind für mich Feuerwerke ein Gräuel. Ich empfinde keine Freude dabei. Dabei erinnere ich mich nur jedes Mal an diese schreckliche Nacht.“
Eingeschult wurde Achim Plato im Jahre 1942. Später besuchte er das Humanistische Gymnasium in Dresden. Erinnerungen an seine Kinderzeit in Ruinen? „Ich sah auch die poetischen Seiten der Trümmer. Als Kind spielte ich dort sehr viel. Als Jugendlicher habe ich dann eine Menge Zeichnungen von den Dresdener Ruinen angefertigt. Ebenso ist mir die Besatzungsmacht, die Russen, eigentlich in nur in guter Erinnerung. Die waren sehr kinderlieb. Wir haben oft ganze Eimer voller Erbsensuppe nach Hause geschleppt. Die haben wir von den Soldaten geschenkt bekommen.“
Ein anderes Erlebnis dieser Kriegs-Kinder-Generation: „Ich wuchs praktisch ohne Vater auf. 1949 erst kam mein Vater aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause. Und was mir als 14jähriger Jugendlicher besonders auffiel - die Eltern sorgten unter großen Entbehrungen für die Familie.“
Die Mutter von Achim Plato fuhr oft tagsüber mit den ihrem Fahrrad auf das Land, arbeitete hart bei den Bauern, um am Abend mit zwei Liter Milch für die Familie heimzukehren. Und der Vater fuhr mit seinem Rad, um zu hamstern. „Wie man das damals nannte - damit wir das Notwendigste zum Essen hatten.“
Im Jahr 1955 floh der junge Mann Achim Plato in den Westen Deutschlands – in die Bundesrepublik. Nicht Abenteuerlust trieb den 19-Jährigen, sondern politische Verfolgungen ließen ihn diesen Schritt machen. Warum er gerade Stuttgart als Zielort angab, als er im Berliner Flüchtlingslager gefragt wurde, wohin er wolle, das kann er heute in Erinnerung nicht mit Bestimmtheit sagen.
„Ich wusste nur, dass in Stuttgart viele Verlagshäuser sind, Dichter wohnen, gutes Theater gespielt wird.“ Nach Aufenthalten in diversen Flüchtlingslagern in Baden-Württemberg kam Achim Plato nach Esslingen und arbeitete als Flaschner- und Installateur-Gehilfe.
„Aber es stellte sich bald heraus, dass das nichts für mich war. Der nächste Beruf war bei mir kaufmännischer Angestellter. Danach wurde ich Versandleiter in einer Firma für Krankenhausbedarfsartikel. In dieser Zeit lernte ich durch die Fahrten von Krankenhaus zu Krankenhaus das Land kennen.“
Neben der tagtäglichen Arbeit besuchte Plato am Abend die Schauspielschule, erhielt Unterricht bei dem Promi-Schauspieler Erich Ponto - und später bei der Schauspielerin Lilo Barth. 1961 Schauspielprüfung in Stuttgart. Die erste Rolle bekam er - noch während seines Unterrichts in der Schauspielschule – in der „Theater der Altstadt“ bei Elisabeth Justin.
Später bekam Achim Plato Engagements am Jungen Theater Göttingen, am Staatstheater Darmstadt, am Stadttheater in Ingolstadt und am Pfalztheater Kaiserslautern, wo er die Sparte Schauspiel durchforstete: Operette, Musical, Liebhaber- und Komiker-Rollen. Nebenher gab es damals für Plato schon für ihn kleine Rollen im Fernsehen.
1962 wurde Achim Plato - als „Musterschüler“ Lilo Barths - nach Schwäbisch Hall zu Wilhelm Speidel als Regieassistent und Schauspieler engagiert. Und seitdem ist Plato jeden Sommer in Hall dabei. In den letzten vier Jahren im Leben Speidels war Plato persönlicher Referent des Intendanten. „Ich hatte Geld zu verwalten, Verträge in kleinen Ausmaßen abzuschließen.“
Regie lernte Plato bei Wilhelm Speidel, dem legendären Haller Intendant – und bei Ludwig Berger, einem Regisseur aus dem Berlin der „zwanziger Jahre“, der in der Emigration in Hollywood Filmregisseur gewesen war.
„Berger war ein Shakespeare-Forscher, ein Mann von ungeheuer geistiger Disziplin. Wenn ich Berger in seinen letzten Jahren besuchte, gab es nach dem Abendessen eine Regie-Aufgabe. Irgendeine Shakespeare-Szene müsste gelöst werden. Das Ergebnis war beim Frühstück vorzulegen. Bei Berger lernte ich die theoretische Seite der Regie ausführlich, bei Speidel die praktische Regie für die Treppe.“
Nach Wilhelm Speidels Tod im Jahr 1968 wurde Achim Plato zunächst „künstlerischer Treuhändler“ und später „Künstlerischer Leiter“ der Freilichtspiele in Schwäbisch Hall. Plato bearbeitete zunächst den „Jedermann“ und das „Salzburger große Welttheater“ – und führte auch Regie.
Seine Inszenierungen damals auf der Treppe: „Weibervolksversammlung“ (Aristophanes), „Die lustigen Weiber von Windsor“ (Shakespeare), und „Die Räuber“ (Schiller).
Wenn die Festspiele in Hall vorüber sind, dann inszeniert Achim Plato in den Theater-Normal-Spielzeiten auch an anderen Bühnen – so zum Beispiel in Bregenz, Göttingen oder Marburg. Häufig tritt er in den letzten Jahren im Fernsehen als Schauspieler auf. Und über vier Jahre lang leitete er auch eine Theatergruppe in der Jugendstrafanstalt in Hall.
Rückblick auf zehn Jahre Theaterarbeit auf der Haller Treppe? „Wir haben die Treppe in ihrem Lebensraum gesehen, den Marktplatz, die alten Häuser und das barocke Rathaus. Hier spielten sich in den Jahrhunderten Tragödien und Komödien ab. Bettler lungerten auf der Treppe, die Menschen gingen die Treppe zum Sakralbau hinauf. Und wir wollten zeigen mit unserer Theaterarbeit, dass man auch wieder hinuntergehen kann, in die alltägliche Welt.“
Achim Platos neue Konzept bedeutete, auch Komödien auf der Treppe - und modernes Theater von Brecht, Dürrenmatt oder Sartre - zu zeigen. Das habe sich in der neuen Treppen-Arbeit bewährt.
„Hätten wir diese Öffnung der Haller Freilichtspiele nicht gemacht, der Spielplan wäre erstarrt. Prominente Gastregisseure wie Kurt Hübner oder Kai Braak haben auf der Treppe in Schwäbisch Hall ihre besondere Freilichttheater-Handschrift gezeigt.“ JDU
Neckar Express, Heilbronn
Donnerstag, 24. August 1978
Autor: Jürgen Dieter Ueckert (JDU), Redakteur beim Neckar Express.
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