Sonntag, 18.01.2026 - Georg Hahn, Portrait, 1978

 Das Portrait

Georg Hahn

Oberspielleiter am Heilbronner Theater

Als Georg Hahn zehn Jahre alt war, stand für ihn der Berufswunsch schon fest. Er wollte zum Theater, ohne Theater je gesehen zu haben. „Mein Vater war ein großer Schiller-Verehrer. Vielleicht erfüllte ich somit seinen heimlichen Wunsch. Auf jeden Fall war es für mich dann kein leichter Weg, von Sulzbach zum Theater. Aber, nachdem der Vater auch meinte, dass kein Weg daran  vorbeiführte, legte er mir keine Prügel in den Weg.“

In Sulzbach an der Murr wurde Georg Hahn am 5. November 1909 geboren. 1915 wurde er eingeschult – Besuch der Volksschule in Sulzbach – die Realschule in Backnang. Schon in dieser Schulzeit liebte er die Mitarbeit an Theateraufführungen.

„Ich hatte einen sehr musischen Deutschlehrer, dem ich sehr viel verdanke. Ansonsten war meine Schulzeit weder eine glückliche noch eine unglückliche Zeit. Sie belastete mich nicht. Ich war immer mit mir zufrieden, wenn ich versetzte wurde.“

Nach dem „Einjährigen“ (heute: Mittlere Reife), zwei Jahre als Volontär in einer Gerberei, danach ein Jahr Volontär als Kaufmann in einer Schuhfabrik. Danach  wieder zur „Penne“ – 1929 Abschluss (Hochschulreife) auf der Höheren Handelsschule.

Anschließend Schauspielunterricht in Stuttgart bei Roderich Arndt. 1931 wurde Georg Hahn Eleve am Stuttgarter Staatsschauspiel. Im gleichen Jahr Schauspielprüfung. 1933 bis 1936 Württembergische Landesbühne in Esslingen. 1936/37 Staatstheater Stuttgart. 1937/38 Stadttheater Koblenz. 1938/39 wieder am Staatstheater Stuttgart. 1939/40 Bayrische Landesbühne München. Vom November 1939 Fronttheater am Pfalztheater Kaiserlautern bis zur sogenannten „Dr. Goebbels-Spende“ im Jahre 1943 (Schließung der deutschen Theater).

Georg Hahn bemerkt über das braune Deutschland: „Das einzig Interessanteste im Dritten Reich war, dem Herrn Goebbels im Theater ein Schnippchen zu schlagen. Das war Höchste, was man sich erlauben konnte. Viele haben das versucht, manchmal bewusst oder unbewusst. Das kam auf die Einstellung an.“

Vom September 1944 bis zum Ende des Krieges war Soldat – amerikanische Gefangenschaft in Heilbronn – Georg Hahn kommentierte zynisch: „Man wurde dabei sehr schlank.“

Ab Oktober 1945 war er wieder in Kaiserslautern engagiert. Ab 1954 Stadttheater Ingolstadt - und von 1964 bis 1967 kommissarischer Leiter des Theaters (zuvor Oberspielleiter und Chefdramaturg). Und seit 1967 ist Georg Hahn am Heilbronner Theater engagiert.

Georg Han stammt aus einem alten württembergischen Geschlecht. Pietistisch, demokratisch – diese Begriffe sollen nur als Andeutung dienen. Der Vater war Vermessungsrat. Von den drei Geschwistern (ein Bruder und zwei Schwestern) ergriff keiner den Komödianten-Beruf.

Über die Ausbildung und die Anfängerjahre erzählt Geord Hahn heute: „Ich kam mehr von der Dichtung zum Theater, durch das Lesen der Dramatiker. Aber in der Ausbildung mussten wir die Klassiker studieren. Geliebt haben wir die Moderne – Wedekind, Hauptmann, Georg Kaiser, Sternheim. Wenn wir jungen Leute ein wenig Geld hatten, fuhren wir nach Berlin oder München und schauten uns dort neue Inszenierungen an.“

Unter den Regisseuren hatte der junge Georg Hahn am meisten der Theaterregisseur Jürgen Fehling beeindruckt. „Das, was Fehling in seinen Inszenierungen geschaffen hatte, das war für mich die Erfüllung des Theaters.“

Angetreten war Georg Hahn im Schauspiel-Beruf als „jugendlicher Charakterspieler“. Einige seiner Rollen: Gottfried Friedeborn im „Käthchen von Heilbronn“, der Spiegelberg in den „Räubern“, den Wurm in „Kabale und Liebe“, Orest (Schauspiel von Euripides).

„Ich war nie rollenbesessen. Am Anfang habe ich natürlich allesgespielt, was ich spielen musste. Aber nach sechs oder sieben Jahren sollte ich ein Schauspieler selber hören, was er kann oder nicht kann. In diesem Beruf sich selbst verwirklichen, wie ein Schlagwort heißt, das geht nicht, sondern kann sich höchstens in der Rolle selbst verwirklichen. Ratschläge für einen Schauspieler, die kann man nur andeuten, nicht als Maxime mitgeben, wie es einige ‚Prominente‘ gern versuchen.“

Als Regisseur hatte sich Georg Hahn nie beworben. Er wurde mehr von seinen Kollegen dazu gedrängt. Die erste Regierarbeit leistete Hahn 1939 am Freilichttheater Göppingen, dessen künstlerische Leitung er innenhatte. In Ingolstadt und Kaiserslautern war er dann fast ausschließlich Regisseur. „Ich inszenierte eigentlich alles. Von mir bevorzugt wurden moderne Problem-Stücke. Hauptmann zum Beispiel. Intendanten, die wussten, was ich wollte, übertrugen mir diese Stücke, andere, mit denen ich mich weniger verstand, gaben sie mir oft als Strafe. Die neu herausgekommenen Stücke gab man mir, weil man das Stück in sicheren Händen haben wollte.“

Georg Hahn im Nachdenken kritisch: „Ich bin immer unzufrieden mit mir. Ich bewundere die Menschen, die rasch zufrieden sind.“

Zu seiner Inszenierungsarbeit bemerkt er lächelnd: „Um den Gipfel einer Arbeit zu erreichen, das kostet Mühe, Schweiß und Tränen. Meine Schauspieler haben mich oft während der Probenarbeit gehasst. Bei der Premiere war die Liebe dann wieder hergestellt.“

Georg Hahn teilt das Theater in Lehrlings-, Gesellen- und Meister-Mitarbeitern ein. „Wir in Heilbronn sind gezwungen aus Lehrlingen Gesellen zu machen – und das ist schon eine ungeheure Aufgabe. Allergisch bin ich gegen alle Ideologien auf dem Theater. Wir haben die Pflicht, jede Richtung zur Diskussion zu stellen. Entscheiden soll dann das Publikum. Denkprozesse können wir nicht vorwegnehmen. Was der Dichter dem Publikum sagen will, das soll gezeigt werden, nicht was die Theaterleute während der Proben hineindiskutieren.“

Für Georg Hahn gilt: „Das Theater muss die Krise behandeln, in jeder Beziehung. Denn das Theater behandelt immer die Krise der Gegenwart oder Vergangenheit. Ich halte das Geschwätz über die Krise des Theaters für einen Denkfehler.“

Zur Heilbronner Theater-Situation: „Als ich 1954 im Deutschhof Freilichtspiele spielte heiß es schon, dass ein neues Theater gebaut werde. Ich war in dieser Richtung nie ein Optimist. Und deshalb ich auch nichts mehr zum Theaterneubau zu sagen. Ich hätte Heilbronn ein neues Theater gewünscht. Denn wäre unsere Arbeit eine bessere geworden.“

Zum Theater-Provisorium In Heilbronn: „Wir spielen hier im Gewerkschaftshaus in einem Raum, der immer ein Zimmer ist. Was Regisseur und Bühnenbildner sich da ausknobeln müssen, um wenigstens einigermaßen glaubhaft sein - und unter welchen Bedingungen Schauspieler arbeiten müssen, ist kaum beschreibbar.“

Georg Hahn wird in der kommenden Spielzeit als Gast im Heilbronner Theater wieder Regie führen. Die Freilichttheater Neuenstadt hat ihn als Regisseur verpflichtet. Erfahrungen mit dem Freilichttheater hat er seit 1937, als er in Hall zum ersten Mal auf der Treppe stand. Von 1955 bis 1968 war er Stellvertreter von Wilhelm Speidel, dem unvergessenen Leiter der Freilichtspielen Schwäbisch Hall.

Die Region hatte eine Tradition der Sommer-Theaterspiele: „Obwohl ich weiß, dass Freilichttheater grobes Theater ist, es macht mir immer noch Freude - wenn Laien begabt sind – sich mit dem Ur-Mimus (vom griechischen mimos für „Nachahmer, Schauspieler) auseinandersetzen, die Laien an Handwerk - wie in Neuenstadt - heranzuführen.“

Georg Hahn ist mit der Schauspielerin Rotraut Grauer verheiratet. Sein Sohn wurde 1938 geboren und ist heute Arzt in Stuttgart.

Was tut Georg Hahn, wenn er nicht um das Theater bekümmert ist: „Ich bin unglücklich, wenn man mir zu feierlichen Anlässen keine Bücher schenkt. Lesen, das ist meine Freizeitbeschäftigung.“

Und dem Theater verdankt er, „dass es ich mich zwang, jung und lebendig zu bleiben. Jung bleibt man nur, wenn man mit jungen Leuten zu tun hat.“ JDU

Erschienen am 1978 im Neckar Express, Heilbronn.

Autor: Jürgen Dieter Ueckert (JDU), Redakteur beim Neckar Express.

 

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